Ein paar Minuten sah sie zu, wie Paul ohne Rücksicht auf den Ratgeber den Velours wässerte, bis sie schließlich doch das angeblich probate Mittel verwarf, den zuckenden Leib vom Boden aufhob und ihn sanft an sich drückte. Paul ließ zwar mit dem Gezappel nach, presste aber eine weitere Tränenfontäne hervor. Erst als er den Schnuller sah, huschte ein Lächeln über sein krebsrotes Gesicht. Das Drama dieses Abends ging dem Ende entgegen, der Sauger brachte innerhalb kurzer Zeit den gewünschten Schub der Schlafhormone. Wie eine sich schließende Schleuse ließ jedes Auge noch ein letztes Tröpfchen durch, dann war Ruhe. Und Melissa mit ihrem Latein wieder mal am Ende.


Eine halbe Stunde später und ohne wirkliche Hoffnung auf einen brauchbaren Tipp, schlug sie im Bett liegend den nächsten Ratgeber auf, um die letzten Minuten, die ihr an Kraft heute noch blieben, zu füllen.


In den letzten Jahren wurden bei der Entwöhnung vielfach gute Ergebnisse mit der Idee einer Schnullerfee erzielt. Die Fee überbringt symbolisch den Schnuller Ihres Kindes an ein anderes Kind, das keinen hat. Die Konfrontation mit diesem Bedürfnis appelliert bei Ihrem Kind an den Aspekt des Teilens. Die Reflexion des nachvollziehbaren Begehrens erleichtert die Abgabe des Schnullers an das imaginäre Kind durch die Hände der Schnullerfee.


Melissa fragte sich, wie man eine so simple Sache nur in so umständliche Worte packen konnte? Dennoch war sie bereit, den nächsten Versuch zu unternehmen.

„Also, meinetwegen … dann kommt morgen halt die Schnullerfee“, murmelte sie, legte das Buch beiseite und löschte das Licht.


Am nächsten Vormittag, sie steuerte mitsamt ihren Einkäufen auf die Haustür zu, wartete davor ein Mann. Schwarze, gel-getränkte Haare, weiße Schuhe, die sie, mit einer gewissen Abschätzigkeit, dem Zuhältermilieu zuordnete, dazu trug er einen langen Ledermantel in der Schuhfarbe und eine den Haaren tongleich glänzende Lacklederhose. Das Handy in der einen und die Zigarette in der anderen Hand vervollständigten ihren Eindruck, es müsse sich um einen zwielichtigen Herrn mit noch zwielichtigerem Beruf handeln. Zu ihrer Verwunderung sprach Herr Rotlicht sie an.

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Liebe Leserin, lieber Leser,

diese Geschichte gehört zu jenen, die beim Schreibwettbewerb des Schreib-Lust-Verlages im Februar 2009 auf dem Treppchen gelandet sind und damit veröffentlicht wurden. Die komplette Geschichte können Sie nachlesen in der Mai-Ausgabe 2009 der SL Print, zu bestellen beim Schreib-Lust-Verlag.

Paul nörgelte. Im Gesicht des Dreijährigen schmolzen die Kulleraugen zu immer kleiner werdenden Schlitzen und aus den Tiefen seines Körpers konnte Melissa die nächste Welle in Richtung der Tränenkanäle ihres Sohnes aufsteigen sehen.

„Du brauchst gar nicht wieder anfangen zu heulen. Irgendwann muss mal Schluss sein mit dem Schnuller. Du willst doch ein großer Junge sein, oder? Große Jungs haben niemals einen Schnuller!“

Paul beantwortete den Appell an sein Alter mit der ihm eigenen Unwilligkeit und warf sich aus dem Bett auf den Boden. Melissa gab sich größte Mühe, ihn nicht zu beachten, blieb am Bettrand sitzen und wartete. In einem Eltern- Ratgeber hatte sie gelesen, Ignorieren sei ein probates Mittel, damit Kinder sich auf sich selbst fokussierten. Man brauche nur etwas Geduld. Melissa wünschte sich in diesem Moment eine deutlich präzisere Definition des Wortes 'etwas', denn Paul fokussierte sich zu ihren Füßen ausschließlich und heftig auf den Teppich.

Gib Gummi, Paul

Foto: Christian Steinkrüger

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