Oberbefehlshaber der ameisischen Streitkräfte und seit einem angeblichen Auslandsaufenthalt bei den Termiten persönlicher Berater der Königin.
„Was ist da los, Wachmann? Geben’se mal Meldung!“
„Dem Schnösel von nebenan, äh, Entschuldigung, dem Herrn Tausendfuß fehlen offenbar vier Beine, Herr General.“
„Weiter beobachten und sofort Meldung machen, wenn sich etwas ändern sollte, Wachmann!“
„Jawoll, Herr General.“

Derweil gegenüber ...
„Du veranstaltest hier vielleicht einen Zirkus wegen vier blöder Beine, Tony!“ Martha Tausendfuß machte mehrere Dutzend wegwerfende Fußbewegungen.
„Sorg lieber dafür, dass wir noch ein paar Blattläuse kriegen. Ich hab das Gefühl, sie liefern die nicht mehr mit demselben Inhalt wie früher. Die hier ist schon wieder leer“.
Rhythmisch presste Töchterchen Amanda Tausendfuß den Hinterleib der Blattlaus, während Martha sich die Spitzen ihrer Beine mit dem austretenden Sekret lackierte.
„Vier blöde Beine? Sagtest du ‚vier blöde Beine’? Wo kommen wir denn hin, wenn sich hier jeder in der Nacht bedienen kann, wie er will? Der Diebstahl von vier Beinen ist nichts anderes, als ein insektöser Skandal allerersten Ranges, meine Liebe!“
„Ach? Und dass du hier zu nachtschlafender Zeit reinkommst, voll wie drei Zecken nach einer Woche Hund, das ist kein Skandal? Bestimmt tratschen die Nachbarn wieder.“ Martha rollte die Augen.
„Ich gebe ja zu, der Apfel lag wohl schon eine Weile und vielleicht hatte ich auch zuviel davon. Aber erstens war das Schicksal und zweitens ist es kein Grund, hier einfach reinzuspazieren und mir im berauschten Tiefschlaf vier Gliedmaßen rauszureißen!“
„Hier reintorkeln und anschließend anderen die Schuld geben ... würde mich nicht wundern, wenn du sie dir selbst abgerissen hast. Oder liegen sie unter deinem Schlafblatt? Schon mal nachgesehen? Aber wenn du willst, dass es richtig peinlich wird, dann ruf halt die Polizei und mach eine Anzeige“, schnodderte Martha gelangweilt. „Amanda, die nächste Blattlaus, bitte. Es fehlen noch gut zweihundert Beine. So geh ich jedenfalls nicht vor den Haufen!“
Tony wand sich entnervt ab, stieß durch das Blätterdach an die Oberfläche und schrie aus Leibeskräften:
„Polizei! Polizei! Diebstahl in Laubhaufen Nummer sieben, Wiese vier!“

....


Liebe Leserin, lieber Leser,

diese Geschichte gehört zu jenen, die beim Schreibwettbewerb des Schreib-Lust-Verlages im Februar 2009 auf dem Treppchen gelandet sind und damit veröffentlicht wurden. Die komplette Geschichte können Sie nachlesen in der Mai-Ausgabe 2009 der SL Print, zu bestellen beim Schreib-Lust-Verlag.

„Neunhundertfünfundneunzig, Momentchen gerade Martha, neunhundertsechsundneunzig ... hallo? Was ist denn hier los? Maaaaaaaaartha!!!! Mir fehlen vier Beine! Keiner verlässt den Haufen, ist das klar?“
Tony, gewohnt auf die Vollzähligkeit seiner Beine bedacht, war ein eitler Tausendfüßler. Die Ameisen nebenan hielten ihn für einen Fatzke. Aufgeschreckt vom Geschrei aus dem Laubhaufen, stellten sich die Wachposten auf die Hinterbeine und begannen zu feixen, als Tony, zur Hälfte aufgerichtet, mit geschätzten dreihundert Beinen wild gestikulierte.
Aus dem Untergrund der Krabbelkolonie stieg General von Wiesengrund empor,

Neulich auf Wiese vier

Foto: Christian Steinkrüger

_____________________________________________

zurück zur Seite „Werk-Schau“ ...