„Was hab ich mir denn unter Volkskrankheiten vorzustellen? Sie behandeln hier vermutlich keine Leute mit Schnupfen und Husten.“

„Nein, natürlich nicht. Die Morbus populi sind meist regional auftretende Leiden, denen sich die Betroffenen nur schwer oder gar nicht entziehen können. So reagieren viele Hauptstadtbewohner zum Beispiel mit depressiven Angstzuständen, sobald die Begriffe ‚Schnauze‘, ‚Buletten‘ und ‚Alex‘ fallen, weil sie sich in Vorurteilen gefangen fühlen. Eigentlich wollen sie vom Klischee abweichen, schaffen es aber nicht. Wieder andere nehmen sich bei Reisen über die Stadtgrenze dosenweise Berliner Luft mit, da sie fürchten, ohne das typische Spree-Gemisch zu ersticken. Hier in der Klinik behandeln wir derlei Erscheinungen, ganz gleich mit welchem Entwöhnungsziel. Unser Anliegen ist die Reintegration der Patienten in ihre gewohnte Umgebung, ...“

Vor der Tür hört man Geschrei. Ein offenbar Festgeschnallter wird von eilig rennenden Sanitätern über den Flur geschoben.

„Lasse Sie misch sofort frei! Isch hab des Ding net g‘stohle! Isch bin doch kei Groschepetzer. Wenn isch des habbe will, da kaaf ischs mer halt!“

„Was war das denn?“, erkundigt sich Peters.

„Ich hab den Fall noch nicht persönlich begutachtet, mir wurde er nur angekündigt. Es handelt sich aber wohl um einen Mann aus der Nähe von Frankfurt, den uns die Polizei überstellt hat. Aus der Krankenakte konnte ich bislang lediglich entnehmen, dass er bei hohen Gaben von Apfelwein offenbar in Gaststätten die Behältnisse für Tabakreste entwendet.“

Der Journalist schüttelt erheitert den Kopf. „Und den schauen wir uns jetzt an?“

„Nein“, erwidert der Professor, „das ist ein leichter Fall. So was haben wir hier ständig. Wir werden ihn in den kommenden Wochen auf ein anderes Getränk umstellen, wahrscheinlich auf ein friesisches Pils, dann wird auch der Ascher-Klau wie von selbst verschwinden.“

„Das ist nicht Ihr Ernst? Sie lassen den einen Monat Nordbier süffeln und sich das fürstlich bezahlen?“

„Wir sollten uns dem vertraglich vereinbarten Fall widmen. Der ist wahrlich interessanter.“

....


Liebe Leserin, lieber Leser,

diese Geschichte gehört zu jenen, die beim Schreibwettbewerb des Schreib-Lust-Verlages im Juli 2009 auf dem Treppchen gelandet sind und damit veröffentlicht wurden. Die komplette Geschichte können Sie nachlesen in der November-Ausgabe 2009 der SL Print, zu bestellen beim Schreib-Lust-Verlag.

Das Gebäude sieht aus wie einer dieser Versicherungspaläste. Hier fließt anscheinend eine Menge Geld. Neben der Einfahrt klärt ein Schild darüber auf, was hinter den hohen Hecken, die das Gelände umrunden, behandelt wird: „Klinik für Volkskrankheiten“. Marco Peters, Chefredakteur des Magazins „Deutsche Woche“, ist der erste seiner Zunft, der ein Exklusivinterview mit dem Chefarzt, Professor Doktor Waldmann, führen darf. Vertraglich vereinbart ist die Beobachtung einer Untersuchung, ohne den Patienten befragen, fotografieren oder seinen Namen nennen zu dürfen. Vor und nach der verabredeten Zeit sind jeweils fünfzehn Minuten Interview mit dem Mediziner geplant.

Morbus populi

Foto: Christian Steinkrüger

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