Was für den Boxer das Ende des Kampfes bedeutet ist hier der Auftakt: Das Werfen des Handtuchs. Unterschiedlich sind jedoch die Einsatzzeiten und die Zielperson der Handlung. Versucht der Faustkämpfer seinen Gegner meist zu ausgesprochen später Stunde in die Horizontale zu schicken, ist der Rudelreisende als früher Vogel im Vorteil und hat dabei ausschließlich die eigene Ablage im Blick. Es geht im Kräftemessen der Pauschal- oder gar nicht Animierten um die besten Plätze. Sie zeichnen sich durch eine maximale Entfernung von zweihundert Metern zwischen Strand und Speisesaal aus. Opfer, die orthopädische Risiken von mehr als dieser Strecke in Badelatschen in Kauf nehmen müssen, werden aber gut versorgt: Die spanische Fremdenverkehrsindustrie setzt als Bademeister verkleidete Sanitäter ein, die Tausende fern der Heimat zu lagernde Personen in eine stabile Seiten- oder Rückenlage bringen. Über dezentral verteilte Bars und fliegende Händler wird außerdem die Versorgung mit alkoholischen Getränken auch in den Außenbereichen der Anlagen sichergestellt, sollte sich wider Erwarten doch mal jemand meinen erheben zu müssen.

Ob mit Piña Collada in der Hand oder mit Schäufelchen, ob sich selbst am Strand mit einem Öl-Sand-Gemisch panierend oder um einen Eimer mit großen Strohhalmen herum: Den meisten Exemplaren der Gattung Homo touristicus generalis ist, wie am Beispiel Benidorms dargestellt, also eines gemeinsam, nämlich dass sie häufig sitzen und liegen. Empirische Erforschung dieses Phänomens ist zumeist verzichtbar. Dass schon Jugendliche fast ausschließlich in der Horizontalen anzutreffen sind, erklärt sich nahezu von selbst. Erstens bietet diese Haltung für Paarungsinteressierte eine gute Ausgangsposition, zweitens ist oberhalb der Drei-Liter-Grenze Sangria praktisch kaum noch eine andere Lagerung denkbar.

Der gemeine Tourist verbringt also rund 90 Prozent der Zeit im Liegen oder Sitzen!


These 2: Der Erholungsfall der anderen Art

Von Land besehen scheint zweifelhaft, was eine Banane auf dem Wasser soll. Sie ist eine Landpflanze und wird in aller Regel auf festem Boden konsumiert. Ist sie einige Meter lang und aus Gummi, kommt sie jedoch auch auf nassem Terrain vor und ihre Reize liegen nicht mehr im geschmacklichen Bereich. Hinter einem Boot bereitet sie den oben beschriebenen Öl-Sand-Panierten vorgeblich großen Spaß. Aus unerklärlichen Gründen bestreiten das Teilnehmende nicht einmal, wenn die Fahrt nicht wieder am Ufer beendet wird. Dabei scheint das Vergnügen höchst fragwürdig, bei vollem Tempo und unterstützt von einem Sonnencreme-Schweiß-Gemisch das Gefährt zu verlassen und auf das balkenfreie Wasser aufzuschlagen. Gut durchgewirbelt nimmt man nach dem Abstieg bis zur wiedergewonnenen Orientierung noch ein bis zwei Liter wohlschmeckenden Salzwassers zu sich. Um im gemeinsamen Gespräch am Abend gegenüber Dritten das Erlebte zu verklären und zu behaupten, die Action sei ja wohl das Allerbeste überhaupt.

Vergleichbares berichten ebenso Süßwasser-Reiter, die reißende Flüsse in Nussschalen zu bezwingen suchen und zur Belohnung bei Verlassen des Bootes mit dem behelmten Kopf gegen einen Felsen schlagen. Über den Wert derart - im wahrsten Wortsinne - „beeinflusster“ Äußerungen darf wild spekuliert werden. Sie können trotzdem auch zusätzlich am Strick von Brücken fallende Menschen fragen, oder als Tandemspringer aus Flugzeugen hüpfende ... Fakt scheint zu bleiben: Wenn es abwärts geht mit ihnen, stellt sich ein wohliges Gefühl ein.

Und so unterscheidet sich der Homo touristicus activismus diametral vom stabil gelagerten generalis. Beide behaupten trotz vollkommen gegensätzlicher Lebens- und Handlungsräume, dass sie Urlaub machen. Wie kann das sein? Hier hilft die ...


Synthese: Steinzeit und Moderne - der Weg und das Ziel

Für eine Erklärung braucht es nur einen Blick in die Natur. Seit es Pflanzen gibt, ist das Grünzeug an den Bäumen ein Vorbild der heutigen Reise-Gesellschaft. Im Alltag sind die Blätter an ihrem Heimatzweig verwurzelt. Kommen der Herbst oder ein Sturm, reißen sie los und fallen hinunter. Unten angekommen liegen sie tatenlos in der Gegend herum ... und vergammeln. Das hat sich in Jahrmillionen nicht geändert und wiederholt sich regelmäßig.

Der stabil gelagerte wie der auf die unterschiedlichsten Weisen fallende Tourist sind nichts anderes als „Ur-Laub“. Nur in verschiedenen Stadien. Den Sturm, der das Blatt vom Baum reißt, nennen wir heute Ferien. Und während sich der bewegte Aktivurlauber in der Phase des Fallens vom Ast befindet, ist man in Benidorm schon auf dem Boden angekommen und gammelt in großer Gemeinschaft vor sich hin.

Jetzt werden Sie vielleicht sagen, es gibt auch noch die Bergsteiger, die Wanderer, die Weltumsegler, die Taucher und so weiter ... natürlich, da haben Sie recht! Wer auf dem Bauernhof seine Ferien verbringt oder in einem tibetischen Kloster, der bewegt sich gewiss in den Randzonen der Gauß‘schen Touristen-Normalverteilung. Doch selbst dafür reicht die Ur-Laub-Theorie: Schau‘n Sie mal, wo es Blätter bei einem Sturm überall hinweht!


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Eine Übersicht über bisherige Kurzgeschichten bietet die Seite „Werk-Schau“!

Aus rechtlichen Gründen wird eingangs darauf hingewiesen, dass dieser Artikel nicht gefahrlos ist. Die nachfolgenden Zeilen beschäftigen sich mit Phänomenen menschlichen Verhaltens in der büro- oder werklosen Zeit. Manche von Ihnen werden wie in einen Spiegel schauen und was Sie darin sehen, wird Sie an das ungewaschene Etwas nach einer langen Partynacht erinnern. Wieder anderen bietet er Blicke durch ein Mikroskop auf das, worüber sie selbst nach Herzenslust lästern. Und eine dritte Gruppe wird sagen: Soll doch jeder machen, wie er meint! Was auch immer davon zutreffen mag, stelle ich die Behauptung auf: Sie alle fahren in den Urlaub und haben bislang keinen Schimmer, warum diese Zeit des Jahres so heißt. Ich wage eine Erklärung.


These 1: Auf und im Liegen gelagert

Schauen Sie sich einmal fotografische Beweise des Massentourismus an. Selbst tumulterprobte Basarbesucher Istanbuls oder Teilnehmer des Boston Marathon erschrecken zum Beispiel beim Anblick einer Aufnahme des Strandes von Benidorm. Es beginnt damit, dass praktisch kein Sand auf dem Foto zu erkennen ist, außer direkt am Wasser. Unter medizinischen Gesichtspunkten führt so ein Bild zu der Erkenntnis, dass eine beachtlich große Anzahl von Menschen hilfsbedürftig sein muss. Zur Untermauerung dieser These hilft eine Parallele aus dem Sport.

Warum der Urlaub Urlaub heißt!

Foto: Christian Steinkrüger