Im Wartezimmer war er alleine. Seltsam für neun Uhr. Neben den Zeitschriften lag ein kleiner Stapel mit quietschgrünen Zetteln. Der schwarze Aufdruck verkündete: 'Schwerelose Seniorinnen und Senioren gesucht'. Das Blatt bot die Teilnahme an einem Forschungsprojekt mit dem vielsagenden Titel ETWA an. Der Veranstalter, offenbar um Seriosität bemüht, gab an, er kooperiere mit ESA und NASA. Zielgruppe seien rüstige Menschen jenseits der Achtzig, die Lust auf einen ungewöhnlichen Ausflug hätten. Ottmar lachte laut auf, als sein Name durch den Lautsprecher krächzte. Er faltete den Zettel und steckte ihn in die Hosentasche.

„Herr Petersen, erstaunlich guter Leberwert diesmal. Haben Sie Ihren täglichen Trunk drangegeben?“

Noch bevor der Arzt die Antwort hörte, konnte er sie riechen.

„Nix da, Doktor, Sie werden sehen, dass ich mit meiner Methode hundert Jahre alt werde und zu Höchstleistungen auflaufe. Am Ende werde ich sogar Astronaut.“

„Was für eine hervorragende Idee“, spöttelte der Weißkittel zurück. „Erstens wüsste ich gerne, was Ihre Frau davon hält, zweitens müssen Sie mir endlich die Marke verraten, die Sie trinken.“

Er blickte über den Rand seiner Brille auf den Bogen mit den Blutergebnissen.

„Also, für heute wär's das. Bis nächsten Monat, Herr Petersen.“

Voller guter Laune strebte Ottmar ins Wartezimmer, um seine Jacke anzuziehen. Kurz hinter der Tür, die Klinke noch in der Hand, hielt er inne. Der Raum war bis auf den letzten Platz besetzt. Keine Zettel mehr auf dem Tisch. Nachdenklich ging er hinaus in den Regen.


Daheim erwartete ihn Elvira.

„Na, hast du das Sauwetter hinter dir? Wie geht es deiner Leber?“

Ottmar goss sich einen Kaffee ein.

„Der Arzt meinte, ich solle die Cognac-Marke wechseln, sonst würde ich später sterben als er.“

Seine Gattin roch am Aufgebrühten.

„Nein, keine Sorge. Alles bestens diesmal. Ich bin fit wie ein Astronaut. Apropos … hier schau dir das an. Bei Wiedener lag ein Prospekt. Irgendein NASA-Anhängsel bietet jetzt ein Seniorenticket an.“

Sie schnupperte ein weiteres Mal an der Tasse, wandte sich schließlich dem Text zu.

....


Liebe Leserin, lieber Leser,

diese Geschichte gehört zu jenen, die beim Schreibwettbewerb des Schreib-Lust-Verlages im Oktober 2009 auf dem Treppchen gelandet sind und damit veröffentlicht wurden. Die komplette Geschichte können Sie nachlesen in der Februar-Ausgabe 2010 der SL Print, zu bestellen beim Schreib-Lust-Verlag.

Hätte er sich das Kleingedruckte durchlesen sollen? Jetzt lag er auf dem Rücken, um ihn herum rumorte und grollte es gewaltig. Und wie sollte er all das Elvira erklären? Auf den grinsenden Typ neben ihm konnte er bei diesem Problem nicht zählen.


Bis vorgestern keine besonderen Vorkommnisse. Ottmar Petersen schlurfte morgens die Straße entlang zum Bäcker. Seine Frau bestand auf frischen Körnerbrötchen, obwohl sie anschließend ins Bad und die Zähne rausnehmen musste, um sich die Mohnkrümel von den Felgen zu wischen. Doch er hatte über die Jahre gelernt, Elvira nur bei mindestens siebzigprozentiger Wahrscheinlichkeit auf Erfolg zu widersprechen. Dafür schüttelte sie zwar den Kopf, sagte aber nichts, wenn er, wie immer nackt, selbst bei Minusgraden, vor dem offenen Fenster seine Morgengymnastik machte und danach einen Cognac auf nüchternen Magen zum Aufwärmen nahm. An jenem Morgen konnte sie sich einen Kommentar dennoch nicht verkneifen: „Ich bin gespannt, was Doktor Wiedener zu deiner Fahne sagen wird.“

„Nix. Erstens trink ich doch nie mehr als das eine Konjäckchen am Tag und der Arzt weiß, dass es wärmt. Zweitens: Was wären meine Leberwerte irritiert, wenn bis acht Uhr früh keine Lieferung käm?“

Alter Sack oder Einkaufstüte?

Foto: Christian Steinkrüger