Bäuche haben für Menschen enorme Bedeutung. Erstens könnte man kein Rückgrat zeigen, gäbe es nicht auch das passende Gegengewicht, außerdem sind sie für Entscheidungen unverzichtbar. Und es gibt eine Verbindung zu einem gelben Buch.
Bäuche haben für Menschen enorme Bedeutung. Erstens könnte man kein Rückgrat zeigen, gäbe es nicht auch das passende Gegengewicht, außerdem sind sie für Entscheidungen unverzichtbar. Und es gibt eine Verbindung zu einem gelben Buch.
Eine Sprache, die sich nicht entwickelt, ist eine tote Sprache. Sagt man. Einflüsse von außen kommen und gehen. Sagt man. Das Skateboard, das aus dem fernen Amerika zu uns surfte und hier ein Rollbrett werden sollte, weigerte sich schlicht. Vor allem aber dessen Benutzer. Ein Rollbrett kam irgendwie zu nah an ein umgebautes Bügelbrett heran und das hätte ein Freizeitvergnügen zu nah an haushaltliche Pflichten gerückt. Und wenn man sieht, dass die Rechtschreibgremien ein Rollerbrett draus machen, versteht man es noch mal so gut. Was also entwickelte sich hier? Die Sprache, oder doch eher ihre Anwender? Pardon … User. Von dem, was es an Unsitten im Gehege unseres Wortschatzes gibt, füllte andernorts ein Autor drei Bücher, wobei er den Dativ als Mörder des Genitiv hinstellte. Manch Sprachunbedarfter wird entgegnen, wem sein Problem das nun wieder sei? Weil auf diese Frage aber ohnehin kaum einer die richtige Antwort wissen kann – man müsste schließlich den verstorbenen Genitiv obduzieren oder den mutmaßlich mörderischen Dativ ins Kreuzverhör nehmen – gilt die volle Aufmerksamkeit doch eher dem Umgang mit der Bibel unseres Redens und Schreibens.
Statt aber auf die Für- oder Widersinnigkeit diverser Regeln im Duden zu schielen und diese aufs Korn zu nehmen, lohnt sich viel eher ein Ausflug ins Vorwort. Oder sogar noch davor. Da ist im schon etwas älteren Exemplar die Rede von der „24., völlig neu bearbeiteten und erweiterten Auflage“. Als wenn einen das „völlig“ in Sicherheit wiegen soll: „Lieber Leser, wir haben das hier nicht bloß so'n bisschen überarbeitet! Nee, … völlig haben wir das gemacht! Jawoll!“ Bei der rasanten Modernisierung unserer Sprache wird bereits die 35. Auflage vermutlich mit einer „voll krass neuen Version“ aufwarten.
Doch es kommt noch besser. Dass sich rund hundertdreißigtausend Stichworte aus dem verbalen Hut eines Sprachraums zaubern lassen, das beeindruckt. Ein neues in der 24. Auflage war übrigens die bis dahin unbekannte Brötchentaste. Für die, die jetzt nicht nachschlagen wollen: Es ist der Knopf am Parkscheinautomaten, der für ein kurzes Abstellen des Fahrzeugs das geeignete Papierchen anfordert. Die Spitze im Vorwort steckt jedoch im folgenden Satz, der zu Genusszwecken vollständig (man könnte auch 'völlig' sagen) und damit in ungeschönter geistiger Tiefe wiedergegeben wird:
„In bewährter Weise wurden die neuen Rechtschreibregeln übersichtlich und verständlich aufbereitet, sodass sie in der alltäglichen Schreibpraxis von allen mühelos angewendet werden können.“
Soll heißen: Wer jetzt noch Fragen hat, der muss völlig (neu bearbeitet) neben sich stehen! Für die Dudenreaktion steht fest: Wie können bei derart hoher Übersichtlich- und Verständlichkeit denn noch Probleme auftauchen? Resignierend lässt man da den gelben Schinken auf den Schoß sinken und überlegt seinerseits: Gibt es ein anderes Werk, das seine Leserschar so konsequent schon auf der ersten Seite dafür in die Pfanne haut, falls sie mit den übrigen zwölfhundert Schwierigkeiten haben sollte? Merke: Schuld hat der Anwender!
Diese These erscheint umso gewagter, je verwaschener die Anregungen daherkommen. Unabhängig vom Ausgang des olympischen Rennens im Becken bieten sich zum Beispiel zwei Varianten dafür, wer der neue Champion im Delfinschwimmen oder Delphinschwimmen ist. Beides – auch die vom Duden empfohlene Version – unterstreicht die Rechtschreibprüfung handelsüblicher Software übrigens mit jener unangenehmen roten Schlängellinie, die unvermittelt zeigt: Mit der in Aussicht gestellten Mühelosigkeit der Anwendung hapert es schon wieder.
Eine Sprache lebt, wenn sie sich verändert. Erich Kästner hat es in einem Aufsatz einst wunderbar auf den Punkt gebracht (auch wenn es um ein anderes Thema ging, aber das ist hier unerheblich):
„So eine Reaktion ist nichts anderes als kulturelle Platzangst. Und ihre Vertreter sind die Urenkel jener Menschen, die am Ausgang der jüngeren Steinzeit mit dem Fuß aufstampften und weinerlich erklärten: 'Nein, wir wollen nicht in die Bronzezeit!'“
Immer mehr steigt dennoch die Bewunderung für jene, die sich widersetzen. Sicher … wer sich dem Wandel verschließt, kommt nie vom Fleck. Schon klar. Aber ist der Wunsch nach wahrer Orientierung zu vermessen? Die sich selbst beweihräuchernde Dudenredaktion bietet da nur bedingt eine Hilfestellung. Soll doch jeder machen, wie er oder sie meint. So wird der Streit zwischen Befürwortern und Gegnern einer immer unkonkreter werdenden Sprache wohl das Haltbarste sein, was Deutsch zu bieten hat.
Die einzige Konstante rund um das große gelbe Buch scheinen die Bäuche der Schreibenden zu sein, die sowieso machen, was sie fühlen und dadurch Stifte und Tastaturen emotional lenken. Wohltuend vermischt mit dem, was man in der Schulzeit gelernt oder nicht gelernt hat. Und vielleicht ist das der beste Umgang damit. Auf seinen Bauch zu hören. Es kann so falsch nicht sein. Sonst hätte nicht jeder einen ...
Es gilt die Devise 'Friss oder schreib!' Vielleicht auch 'Friss und schreib'. Fragte man hundert Menschen deutscher Muttersprache, wie sie mit der alten oder der neuen Rechtschreibung umgehen, dann sagten vermutlich dreißig Prozent, davon hätten sie keine Ahnung, vierzig Prozent hätten ob mangelnder Ahnung auch keine Probleme und weitere siebzig Prozent antworteten, das machten sie eh alles aus dem Bauch heraus. Vielleicht sind es auch neunzig Prozent. Da kommt es jetzt auch nicht mehr drauf an. Bei derartiger Konzentration auf die nabelnahe Gefühlsebene wundert es nicht, dass unsere Gesellschaft immer dicker wird!
Foto: Christian Steinkrüger
Was muß, das muss! Egal wie!
__________________________________________________________________________
Weitere Geschichten gibt es auf der Seite Werk-Schau, Hinweise auf veröffentlichte Geschichten unter Wort-Schatz.