Es ist nicht so, dass ich Einkaufen hasse. Manches ist ganz ok, aber das, was zum Schluss im Laden ansteht, treibt mir zusehends die grauen Haare aus dem Kopf. Eine Sicht auf ein Phänomen unserer Zeit ...
Es ist nicht so, dass ich Einkaufen hasse. Manches ist ganz ok, aber das, was zum Schluss im Laden ansteht, treibt mir zusehends die grauen Haare aus dem Kopf. Eine Sicht auf ein Phänomen unserer Zeit ...
Solche Träume kommen bei mir meistens in der Nacht von Donnerstag auf Freitag. Freitag ist mein Einkaufstag. Als preisbewusster Kunde pendele ich zwischen diversen Märkten hin und her. In denen ich unterschiedlich leide. In den Schlimmsten fahre ich stets zuerst, damit ich das hinter mir hab. Es ist einer dieser Läden, deren Aufmachung und Funktionsprinzip zwei Brüdern Anfang der Sechziger eingefallen ist. An die äußere Form der Präsentation der Ware hab ich mich gewöhnt. Wenn ich den Stracciatella-Pudding will, muss ich halt mal drei bis vier von den Papp-Lagen wegheben, weil die obersten schon geräubert sind. Hat ja auch was von Schatzsuche. Während ich mit einem beherzten Schritt der heranrauschenden Palette Klopapier mit einer forschen jungen Frau dran ausweiche, beginnt es im Hintergrund zu knirschen. Ein Familienvater mit Zuständigkeit für die heimische Getränkelage steht mit zwei blauen Müllsäcken an einem Automaten und stopft in eintönigem Rhythmus gefühlte hundertfünfzig Flaschen hinein.
„Haben Sie noch viel?“, will eine Oma hinter ihm wissen.
„Nee“-knirsch-„nur die“-knirsch-„Säcke hier“-knirsch.
Dieser Sound wird mich den Rest des Tages begleiten.
Mit derlei Dingen habe ich mich arrangiert, nehme sie hin. Doch eine Sache gibt es, die lässt mir die grauen Haare doppelt so schnell wachsen wie eh schon. Ist der Wagen mit dem gefüllt, was mir meine Frau auf den Zettel schrieb, muss das Papierchen in die Hosentasche, denn ab sofort brauch ich jede verfügbare Hand. Auf dem Weg zur Kasse werden meine Augenschlitze schmaler, die Schritte instinktiv kürzer, der Puls steigt. Das Knirsch-Geräusch vom Flaschen-Papa tritt in den Hintergrund und das Piepsen des Scanners brennt sich ins Gehirn. In meinem anderen Alptraum ist es eine momentan beschäftigungslose Kassiererin, die am Ende des Bandes lechzend auf mich wartet. Ihr Blick ist lüstern, sie murmelt ein mit Schlürfgeräusch unterlegtes „Komm nur ...“ Wenn ich sie so gieren sehe, drehe ich lieber noch eine Reserverunde durch den Laden. Meist sind jedoch Leute vor mir. Mit denen als wohltuendem Puffer schiebt sich alles in halbwegs normaler Geschwindigkeit nach vorne. Ich hebe die Waren auf die schwarze Unterlage. Glücklich, das geschafft zu haben, beobachte ich fortan das Geschehen, Wadenmuskulatur angespannt und zum Sprung bereit. Die gleichermaßen Kinder wie aufgetürmte Lebensmittel überwachende Mutter vor mir zieht die EC-Karte aus dem Lesegerät. Jetzt hab ich noch gut zehn Sekunden. Die Kasse spuckt den Bon meiner Vorgängerin aus, „Schönen Tag“ ... und weg. In einem Film wäre das die Stelle, an der im Hintergrund der Mann mit der Klappe brüllt: „Uuuuuuuund Äktschen!!!“
Der Scanner ist die Kante zum Abgrund, das Personal erfüllt die Funktion eines Zerberus, an dem jeder vorbei muss. Mit dem kleinen Unterschied, dass dahinter die Freiheit wartet, nicht die Unterwelt. Der Wagen ist das Körbchen für das Gepäck, das man mit hinaus in die helle Welt nehmen darf. Es gehört zügig platziert, sonst ereilt den Eisbergsalat ein schmerzhafter Absturz. Dann geht alles in rasendem Tempo. Die Tomaten schon wieder am Anfang auf dem Band, also auch als Erste zurück im Karren. Die Milchtüten oben drauf, noch zwei Blocks Käse und die Tiefkühlkost dazu. Die Salatgurke macht es sich notgedrungen unter dem Sixpack Wasser bequem und wird auf dem Parkplatz den Namenszug des abfüllenden Brunnens auf ihrer Haut tragen. Doch mir fehlt die Zeit, darüber nachzudenken. Die Waren springen mit dem Pieps des Scanners wie Lemminge über die Kante in die Tiefe. Ihr eigenes Schicksal ist ihnen ähnlich Wurst wie der Kassiererin das meiner Lebensmittel. Zack, schon wieder eine Ecke der Schokoladentafel in der Folie vom Quark. Kann man nichts machen, in der Natur kommen auch nur die durch, die bei Gefahr schnell genug ausweichen.
Das Finale furioso steht an. Auf der Bühne sitzt die zickige Königin und trommelt mit den Fingern auf die Armlehne ihres Throns. „Entrichte den Zehnten“, scheint sie zu sagen, muss jedoch nicht mal die Lippen bewegen. Der arme Bettler vor ihr weiß es auch so. In seinen Ohren klingt es etwa so: „Dreißig Euro siebenundfünfzig!“ Mühsam kramt er im Lederbeutelchen nach dem Kupfer, schafft es, die geforderten Münzen zusammen zu suchen und will sie ihr als erste Anzahlung in die Hand drücken, um drei Scheine hinterher zu geben. Doch die Königin hat in der Hälfte der Zeit bereits neun Euro dreiundvierzig aus ihrer Schatztruhe geholt und bedeutet dem Bettler, dass er mit seiner übertriebenen Genauigkeit nur stört. Da sind schließlich noch andere hinter ihm, selbst wenn niemand sonst am Band zu sehen ist.
Ich bin mir sicher: Zu den Herzinfarkten als bekanntem Krankheitsbild werden schon bald die ersten Hetz-Infarkte dazustoßen. Was treibt diese Menschen, die Kunden wie Vieh am Scanner vorbei ziehen? Was ist es, das man hier einspart? Menschlichkeit, Zeit, Geld? Und was fängt man mit dem an, was man gewinnt? Was gewinnt man überhaupt? Ich verliere, wenn ich dort einkaufen gehe. Nerven, Schweiß, Ruhe. Und ich überlege, ob ich mich dem weiter beugen soll. Neulich stellte jemand mal im dicksten Tumult die Frage an die Kassiererin: „Bei Ihnen piept‘s wohl?“ Es ist nicht überliefert, was Mandy an Kasse 7 geantwortet hat. In meinem Traum jedenfalls beugt sich zum Schluss immer der Notarzt über den Endfünfziger und verkündet die Diagnose: „Der Mann hat sich totgespart!“
Ich hab eine Weile Zeit, bis ich in seinem Alter bin. Zwei drei Jahre Discounter geb ich mir vermutlich noch, dann höre ich damit auf. Das wird mir zu riskant. Jetzt wische ich mir die Schweißperlen von der Stirn und leg mich wieder hin. Mein nächster Traum ist ein schönerer. Aller Einkaufskrempel ist unfallfrei im Wagen. Ich habe eine Minute gebraucht für die Feststellung, dass sich nur dreißig Euro sechsundfünfzig im Portemonnaie befinden. „Ich muss doch die Karte nehmen“, flöte ich mit einem Lächeln. Die Königin atmet tief durch, drückt die notwendigen Knöpfe. Mit einem Mal Magnetstreifen auf der verkehrten Seite und zwei Mal absichtlich falschem Eintippen der Geheimzahl verschaffe ich uns beiden eine Ruhepause. „Och, schon wieder nicht korrekt? Versteh‘ ich gar nicht ...“
Freitagnacht, zwei Uhr fünf. Noch rund sechs Stunden. Schweißperlen auf der Stirn und mit irritiert blickenden Augen sitze ich im Bett. Gerade ist der Endfünfziger in meinem Traum gestorben. Sie haben ihn durch einen Plastikvorhang gezogen, vor den Blicken der lechzenden Kundschaft wenigstens ein bisschen geschützt. Gebannt glotzen Menschen jeden Alters auf die dicke Folie, hinter der sich sonst die Schnäppchen und jetzt ein Rettungsteam befinden.
Alles hat mit Sirenengeheul begonnen, auf der breiten Landstraße war es schon von fern zu hören. Artig machten in der Einfahrt zum größten Discounter der Kreisstadt ein Porsche Cayenne, eine S-Klasse und ein 5er BMW für den grell-orangen Einsatzwagen Platz. Der Notruf kam von einer Kassiererin. „Ist da die Rettung? Ich bin die Mandy vom Pricebreaker Superstore. Ich sitz an Kasse 7 und neben mir ist ein alter Mann in seinen Wagen hinein zusammengebrochen.“
Zeitlos am Ende des Bandes
Foto: Christian Steinkrüger
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Die Geschichten früherer Monate gibt es auf der Seite Werk-Schau.