W: Verehrte Zuhörer, mein heutiger Gast ist von eher zeitloser Bedeutung. Seit den späten Sechzigern ist er dem deutschen Publikum bekannt, obwohl zwei andere Namen aus seinem Umfeld noch ein klein wenig mehr Berühmtheit erlangt haben.

T: Na, das geht ja schon gut los hier!

W: Gerne können wir gleich auf diesen Punkt eingehen, lassen Sie mich doch bitte unseren Hörern kurz sagen, wer überhaupt im Studio sitzt.

T: Sie müssen ja diese Einleitung gegenüber dem Sender vertreten, nicht ich.

W: Genau. Also, liebe Zuhörer, mein heutiger Gast wurde unter dem Sternzeichen der Lärche geboren. Sie kennen ihn aus der Comic-Literatur und auch aus darauf basierenden Filmen, am Ende zahlreicher Abenteuer hängt er gelegentlich verschnürt an einem Baum.

T: Wenn Sie nicht augenblicklich mit diesen Klischees aufhören, verlasse ich dieses Studio!

W: Meine Damen und Herren, ich begrüße ganz herzlich Herrn Troubadix!

T: Sehen Sie, nun hat die fortwährende Verunglimpfung endlich einen Namen. Und diese seltsame Anrede können Sie auch gleich weglassen. Nur Troubadix, bitte.

W: Wie Sie meinen. In meiner Einleitung sprach ich davon, dass andere Figuren in Ihrer Nähe ein klein wenig mehr Berühmtheit erlangt haben. Das hat Ihnen nicht gefallen, oder?

T: Nun ja, von einem der Kunst abgewandten Sprecher war das zu erwarten. Dass ausgerechnet jene Herren, die in erster Linie für plumpe Gewalt und gelegentliche List stehen, für Sie prominenter sind, war absehbar.

W: Sie werden nicht abstreiten können, dass Asterix und Obelix schon insgesamt präsenter in den Geschichten sind als Sie.

T: Wäre ich als Kind in einen Kessel mit Noten gefallen, ...

W: ... wären Sie Dauergewinner beim Eurovision Song Contest?

T: Sie meinen diese jährlich zu beobachtenden Versuche, einen korrekten Ton herauszupressen? Alles Amateure. Hätten sie nur eine Laute, wie ich, und müssten ihre eigene Kreativität bemühen, statt eine Explosion nach der nächsten zu zünden ... nichts als Ablenkung.

W: Nun, über Ihre Kunst gibt es auch mehrere Meinungen.

T: Natürlich! Das ist bei Kunst doch gerade gewollt.

W: Ok, sag ich es mal so: Ihre Gesangskunst ruft eher Kritiker auf den Plan als Befürworter.

T: Wer von Banausen umgeben ist, der trifft vor allem auf wen? Na? Genau, auf Banausen! Wenn sich ein Fischhändler und ein Schmied uneins sind, rauft gleich das ganze Dorf. Bei wem wollen Sie denn da einen Sinn für filigrane Musik erwarten?

W: Mit Automatix haben Sie häufiger Schwierigkeiten, nicht wahr?

T: Ihm liegt mein Timbre nicht, dabei hab ich den starken Verdacht, dass er nicht einmal ahnt, was das Wort bedeutet.

W: In der französischen Version der Geschichten lautet Ihr Name Assurancetourix, frei übersetzt so viel wie ‚Vollkaskoversicherung‘? Wissen Sie, wie es dazu kam?

T: Selbstverständlich weiß ich das! Wann immer es in den Abenteuern einen wirklichen Retter braucht, wird auf mich zurückgegriffen. In der Not erkennen selbst die Dorfbewohner, auf wen sie bauen können.

W: Sie sind schon recht enttäuscht davon, dass man Ihre Kunst nicht schätzt, nicht wahr?

T: Ich habe mich daran gewöhnt, dass es Zeit kostet. Wer noch nie ein Röhrophon gehört hat oder eine Schrillinette, der benötigt halt etwas, um sich der vollen Schönheit dieser Instrumente zu nähern.

W: Und doch wirkt es ein wenig unmenschlich, wenn Sie am Ende der Abenteuer nicht mitfeiern dürfen und stattdessen zusammengeschnürt und geknebelt im Baum hängen.

T: Nun, hier kann ich es Ihnen ja mal sagen. Das sind gestellte Szenen! Die Leute wollen ihre Sensationslust befriedigt sehen. Und wenn ein geknebelter Barde sie mit einem wohligen Gefühl das Heft zuklappen lässt ... bitte, der Kunde zahlt, der Kunde bestimmt.

W: Aber ist dann ihre Kunst nicht doch eine brotlose?

T: Na ja, ich hab schon mein Auskommen, machen Sie sich da mal nicht zu viele Sorgen.

W: Das ist interessant. Wie finanzieren Sie Ihren Lebensunterhalt?

T: Gelegentlich hab ich im Wald die Chance auf meine Übungen zum onomatopoetischen Gesang. Die daraus entstehenden Werke verkaufen sich ganz ordentlich.

W: Ich bin nicht sicher, ob unsere Hörer wissen, was das für eine Art von Gesang ist. Können Sie das kurz erklären?

T: Dabei handelt es sich um die Nachbildung von Naturlauten in Worten, Sätzen oder Satzfragmenten.

W: So wie ‚Kuckuck‘, oder ‚Ticktack‘ etwa?

T: Sehen Sie, gerade habe ich wieder ein wenig Geld verdient. Jedes Mal, wenn jemand ‚Kuckuck‘ sagt, verdiene ich theoretisch mit. Was niemand weiß: Ich habe das Lied ‚Kuckuck, Kuckuck, ruft’s aus dem Wald‘ neu vertont und als musikalisches Patent angemeldet. Wer das Wort ausspricht, der muss in Germanien Gema-Gebühren zahlen!

W: Es gibt doch auch ein Tier, das so heißt.

T: Aber nur wegen meines Liedes.

W: Vielleicht machen wir an dieser Stelle besser eine kleine Pause mit Musik.


(Der Sender spielt „Like a rolling stone“ von Bob Dylan)


W: Zu Gast heute, verehrte Hörer, ist Troubadix aus dem gallischen Dorf, der Barde, der von sich selbst sagt, er habe die Musik revolutioniert.

T: Sie sagen das mit so einem abfälligen Klang, Herr Dornfeld, dass man denken könnte, Sie wären ebenso ein Dorfbewohner. Nehmen Sie nur mal Herrn Dylan, den Sie gerade gespielt haben. Glauben Sie, dieses Lied hat er einfach so geschrieben?

W: Nein, keineswegs ... vermutlich durch Sie beeinflusst, nicht wahr?

T: Eben! Er ersann es auf Basis meiner anakreontischen Ode.

W: Ihrer was? Bitte nicht noch ein Fachausdruck.

T: Es musste sein, Sie verwehren mir doch wegen Ihrer Vorurteile aus den Heften auch die Anerkennung meiner Fachkompetenz.

W: Ich wäre nie darauf gekommen, dass Bob Dylans größter Song aller Zeiten von Ihnen geprägt sein könnte. Eher fallen mir Szenen ein, in denen Ihre Kompositionen zu spontanen Wolkenbrüchen geführt haben.

T: Und genau das ist die Basis solider Musik. So etwas können nur die Wenigsten.

W: Aber ist es nicht ein seltsames Gefühl, seine Fans damit wortwörtlich im Regen stehen zu lassen?

T: Wer wahre Kunst zu schätzen weiß, der nimmt auch ein bisschen Getröpfel hin.

W: Wie sind eigentlich Ihre Beziehungen zu Julius Cäsar? Ist da nicht mal ein Konzert in Rom drin?

T: Es hat sich leider noch keine Gelegenheit ergeben, mit ihm darüber zu sprechen, aber er ist ein Kunstfreund, der Tag kommt, an dem es eine Verabredung zu einem Abend gibt, den die Welt nicht vergessen wird.

W: Auf Herrscher ist nicht durch die Bank Verlass. Sie versprechen einem schon mal mehr, als sie schließlich halten.

T: Da stimme ich Ihnen, ich glaube zum ersten Mal an diesem Tag, zu. Wenn Sie Ihre heutigen Anführer hernehmen, dann ist Ihre Sichtweise nachvollziehbar. Immer wieder lese ich von einem gewissen Trump. Scheint ein windiger Kaufmann zu sein, in keinem Fall ein Häuptling. Majestix hätte ihn längst in die Schranken gewiesen! In unserem Dorf hätte man ihn niemals auf den Schild gehoben.

W: Wurde Majestix damals eigentlich gewählt?

T: So etwas in der Art. Er ließ sich von Gutemine wählen, das reichte allen als demokratische Legitimation.

W: Klingt ein bisschen nach Willkür.

T: Es scheint nicht immer so, doch wir beziehen unsere Damen durchaus ein. Ab und zu haben sie ihre eigenen Ziele ein wenig mehr im Blick, ja, aber sie vergessen nie die Gemeinschaft. Ganz gewiss stets vernünftiger als dieser seltsame Geselle in Osmanien, von dem man öfter hört.

W: Ihre Episode mit Maestria war allerdings ziemlich kritisch. Man hat Ihr Haus an diese Frau vermittelt, und Sie mussten in den Wald ziehen. In dem bald sämtliche Männer des Dorfes Zuflucht suchten, einschließlich des Chefs.

T: Ja, da haben sich unsere Damen ein wenig verrannt. Aber nennen Sie mir jemand, dem das nicht hin und wieder passiert. Es ist ja gut ausgegangen.

W: Vor allem, weil Sie mit Ihrem Gesang die Zenturie aus Römerinnen in die Flucht geschlagen haben.

T: Sie missverstehen das! Ich sang aus voller Überzeugung eine Heldenarie, schleuderte ihnen das Lied des Vercingetorix entgegen, der bereits in der Schlacht von Gergovia ...

W: Was ist das da unter dem Tisch?

T: Wie meinen?

W: Na, Sie halten da doch etwas unter dem Tisch versteckt.


(Troubadix wirft das Haar zurück, atmet mehrfach tief)


W: Moment mal ... das stand nicht im Konzept. Sie werden doch nicht ...

T: Doch, ich werde! (röchelt, räuspert sich intensiv) ... Sie und Ihre Hörerschaft müssen nicht länger warten. Seien Sie Zeuge eines einzigartigen Ereignisses, wie es die Welt noch nicht erlebt hat. Denn, Herr Dornfeld, ich bin vorbereitet hier!

W: Mir wurde vor der Sendung zugesichert, dass keine körperlichen Schäden eintreten.

T: Sie werden um Gnade flehen, wenn ich aufgehört habe. Sie werden winseln, dass ich weitermachen soll. Oder stecken Sie mit den Bewohnern meines Dorfes unter einer Decke? Hat Verleihnix Ihnen einen ganzen Fang seiner übelriechenden Fische versprochen? Hören Sie nicht auf derlei, Herr Dornfeld, lassen Sie der Kunst einfach freien Lauf, so, wie ich es nun tue.


(Auf der Leier erklingen Töne, für die das Alphabet keine Buchstaben hat. Sich übergebende Noten schwirren durch den Raum, ...)


T: Gern hab ich die Frau’n geküsst, auch wenn mein Papa ein Clown war. La Paloma tut weh, pfeift die singende Sääääägeeeee ....

W: Aaaaaaargh ...


(In einem unübersichtlichen Handgemenge bahnt sich Waldo den Weg aus dem Studio. Der Sender spielt ‚Tears in heaven‘ in Dauerschleife. Weiteres ist nicht überliefert.)
















Hinweis: Alle zwei Wochen, jeweils Montagabend um 23 Uhr, wird auf KuBiWuZ, dem Sender für Kurioses, Bizarres, Wundersames und Zeitgeschehen, „Stars von gestern und heute“ ausgestrahlt. Moderator Waldemar Dornfeld, Spitzname Waldo, begrüßt Prominente oder solche, die sich dafür halten. Nachfolgend erleben Sie einen Mitschnitt aus dem März 2017, der in die Geschichte des Formats eingegangen ist.

Foto: Christian Steinkrüger

Zeitlebens wird er verkannt. Und es würde wohl immer so bleiben, wenn nicht das forsche Konzept eines aufgeschlossenen Radiosenders uns eine Figur näher gebracht hätte, die fast alle kennen. Und das doch irgendwie wenig.

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