Links schlug eine Schwingtür auf. Ein Fuß, ein Hosenbein, weiter oben der metallische Glanz eines tiefen Tabletts, irgendwann eine Kochmütze. Wasserdampf hüllte die Szene ein. Gespannte Stille. Sie hielt den Atem an, baute den nötigen Druck auf. Toast Hawaii kam auf die Bühne. Ihre Bühne ...


***


„Was hat denn der Arzt gesagt, Angela?“

„Wie oft soll ich dir noch sagen, dass sich das E hinter dem G mit einem weichen I-Laut spricht? Meine Eltern betonten es immer aus dem Spanischen heraus, verstehst du? Ein kurzes, geschmeidiges I. Angila!“

„Also gut, Angiiiila, was hat nun der Arzt gesagt?“

„Na, volle Pulle hat er gesagt.“

„Ich kenne keinen Arzt, der jemals ‚volle Pulle’ gesagt hätte, wenn es um die Strahlendosis geht.“

„Dann warst du halt noch nie bei meinem! Dreh das Rädchen auf Anschlag und verschone mich eine halbe Stunde mit deiner Existenz!“

„Dreißig Minuten auf höchster Stufe und du kannst dich zu den Grillviechern im Wienerwald auf die Stange stecken lassen, Angila. Nimm doch bitte Vernunft an!“

Nackte Frauen kramen sehr selten in ihrer Handtasche, Angila aber tat es, bevor sich der Solariumsdeckel senkte.

„Siehst du das hier, Jenny. Das ist mein Mitgliedsausweis für dieses Studio. Da, rechts den Ausdruck ... kennst du den? Da steht ‚all inclusive’. Ende der Diskussion!“

Sie legte sich flach auf den Rücken und zog die Augenmaske über. Der Regler knackte, das Licht sprang an, Elektronen schossen umher. Mit einem Kopfschütteln zog Jenny ihr noch die Plastikkarte aus der Hand, warf sie in die Tasche und schloss den Sonnensarg.


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Es musste die Allure of the Seas sein, alles andere wäre unter ihrer Würde gewesen. Dieser besonderen Verlockung der Meere konnte sie nicht widerstehen, zu gewaltig war der Eintrag in ihrem persönlichen Logbuch, auch wenn es sie eine ordentliche Stange Geld gekostet hat. Von Florida ostwärts, südlich von Bermuda kreuzte das Schiff in der Sargassosee, als Angila abrief, was ihre Kreuzfahrterfahrungen hergaben. In schwachen Momenten war ihr natürlich bewusst, was das hier war. In solchen Augenblicken war sie ein Mensch von mehr als sechstausend, die auf der aktuell größten Wanne aus Stahl zum Spielball der Erholungsindustrie wurde. Doch schwache Momente hatte sie selten.


Schon beim Check-In begann das eigentliche Spiel der Kräfte, das sie siegesgewiss die Pier hinunter schlendern ließ. Niemand, absolut niemand konnte ihrer Pigmentierung Paroli bieten, jedenfalls niemand, der in seinem Leben je eine weiße Hautfarbe sein eigen genannt hatte. Perfektere Vorbräunung war in ihren Augen unmöglich, ohne gleichzeitig die Rasierklinge des Melanoms zu reiten. Und so war sie regelmäßig der Star am Schalter. Nirgends hat Gold heller gestrahlt als um ihren Hals, an keinem Punkt der Welt schimmerte Seide weicher als auf der Glätte ihrer Bräune.


Nur eine der über zweitausendsiebenhundert Kabinen war angesichts ihres Auftretens kaum angemessen. Suiten für sie und ihre Entourage sowie Einzelkabinen für Zofe und Butler wären passender. Aber sobald sie die öffentlichen Bereiche verließ, schlüpfte sie in die Bedeutungslosigkeit einer Innenkabine auf dem zwölften Deck. Von oben gezählt. Dort war sie weder adelig noch prominent. Dort war sie nur Angela Kampka aus Erkelenz.


Später dann, auf dem Weg zum Restaurant für mehr als dreitausend Gäste, wurde sie wieder die Nummer 1. Sie flanierte vorbei an der Sports Zone, durch den Central Park und über den Boardwalk. Auf der Royal Promenade degradierte ihr Auftritt alle blassen Hühner und Schnepfen, denen es mitsamt ihren potenten oder auch impotenten Hähnen nur ums Essen ging. Sie, Angila, die samtweiche und mahagonigleiche Prinzessin, stand Schlange und war doch in ihrer Grandezza nie wirklich ein Teil davon. Gleich, wenn der Toast Hawaii freigegeben ist, würde jede Zehntelsekunde zählen ...


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„Frau Kampka, bitte!“

Die Arzthelferin in der Praxis von Doktor Haferland rang genervt um ein Lächeln, als sie mit der Patientenkarte in der Hand den Weg ins Behandlungszimmer wies. Angila erhob sich und stolzierte missachtend an ihr vorbei.

„Herr Doktor, wie sind Sie mit mir zufrieden?“, flötete sie dem Arzt entgegen.

„Guten Tag, Frau Kampka. Ja, was soll ich sagen? Sie müssen irgendeine Schutzschicht um sich haben. So wie ein Aal. Anders kann ich mir bei ihrer Hautstruktur und der Pigmentierung nicht erklären, warum ich noch nichts Kritisches wegschneiden musste. Nach der letzten Untersuchung hatte ich ja drei Proben ins Labor geschickt, die problematisch hätten sein können, aber zum Glück waren sie es nicht. Sämtliche Tests negativ. Und damit für Sie positiv.“

„Mit einem Aal verglichen zu werden, also Herr Doktor. Ich muss doch sehr bitten. Haben die nicht so eine Schleimschicht an sich?“

„Richtig, und genau die schützt sie vor Austrocknung und allen anderen Gefahren für die Haut. Das dürfen Sie gerne als Kompliment nehmen.“

„Sind die denn auch so wundervoll glatt wie ich?“

„Mehr flutschig.“

„Dann passt mir der Vergleich nicht, Herr Doktor. Ich bin niemals flutschig!“

„Trösten Sie sich, Frau Kampka, ich meine es ernsthaft positiv. Es gibt einen schönen Spruch, den ich mal hörte. ‚Ein Vorsatz ist wie ein Aal – es ist leichter ihn zu fassen, als ihn zu halten.’ Wünschen wir Ihrer Haut, dass sie solch einen Vorsatz halten kann, um makellos zu bleiben.“

„Das liegt vor allem an Ihren Behandlungen.“ Sie sah ihn mit einem Blick an, der beiden zu denken gab.

„Wie Sie mei..., für heute sind wir jedenfalls fertig. Und für die nächsten drei Wochen ist die Praxis geschlossen, wir machen Urlaub.“


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Die Schufa ist nie direkt sichtbar, aber sie ist ihr auf den Fersen, das weiß Angila genau. Sie schaut zu, wenn sie am Rechner hockt und die Warenkörbe praller sind als ihr Konto. Und so sehr sie nach Schutzfaktoren giert, auf diesen ist sie nicht aus. Das After Sun Repair verschlingt Unsummen, Body Joghurt und Meeresalgen-Gel lassen sich trotz weltweiter Forschung noch nicht im Balkonkasten ziehen. Die kaltgepresste Aloe-Vera-Moisture und das dringend erforderliche Spray mit dem Kaktusextrakt befeuchten Angilas Oberfläche, verdorren aber ihre Finanzreserven, ganz zu schweigen von den Kreuzfahrten. Ihren Aufsehern vom Kreditinstitut ist sie bisher nur entwischt, weil sie sich in den entscheidenden Momenten gewunden hat und nicht greifbar war.


Doch der Tag würde kommen, an dem sie strandet, auf dem Trockenen schwimmt. Keine Kokosnussbutter der Welt hülfe mehr, ihr hawaiianischer Teint wäre Geschichte, ihre Haut verlöre den Seidenglanz, wenn nicht ...


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Jeder Muskel war gespannt. Sie war sprungbereit. Gegen Russen zeigte sie am Buffet keinerlei Rücksicht mehr. Die blockieren nicht nur den Weltsicherheitsrat, sondern auch die guten Sitten, sofern man ihnen nicht unmissverständlich Grenzen setzt. Chinesen und Koreaner überrannte sie mittlerweile schlicht, selbst wenn sie dafür Laufmaschen in Kauf nehmen musste. Latinos kämpfen mit Resten an Manieren und lassen einem deshalb schließlich doch zerknirscht lächelnd den Vortritt, Hauptsache frau tarnt ihre Dreistigkeit zur Belohnung mit einem tiefen Blick. Oder Dekolleté. Oder beidem. Am Schlimmsten sind die Deutschen, die Prinzipfragen ausdiskutieren wollen. Aber die missachtet sie dann einfach.


Der Deckel der Metallwanne mit Toast Hawaii hob sich. Ganz links an der endlos scheinenden Speisentheke stand niemand. Angila schoss vor, gab ihren Platz in der Schlange und jede Zurückhaltung auf. Kurz darauf lagen vier der Köstlichkeiten auf ihrem Teller. Sie spürte empörte Blicke im Nacken, in verschiedenen Sprachen klang Murren irgendwie gleich. Aber egal, Teil zwei ihrer Mission konnte beginnen.


Sie stöckelte durch die Tischreihen, sah in die Ferne und achtete doch auf die Details. Ab Reihe 21 wechselte sie in den Modus ‚ungeschickt und überrascht’. Reihe 23, Platz 9 ... Angriff!


„Herr Doktor Haferland ... Sie hier auf der Allure of the Seas? Ich kann es ja kaum fassen. Mögen Sie Toast Hawaii? Ich würde Ihnen zwei abgeben. Es sind die besten, die ich je auf einem Kreuzfahrtschiff gegessen habe.“

„Frau Kamp..., äh, Toast Hawaii ..., also ich ...“

„Ach, nennen Sie mich bitte Angila. Wie Angela, nur mit einem dezent angedeuteten i. Das ist eine Anlehnung an das Spanische, wissen Sie?“


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In der Sargassosee herrschte oberflächliche Ruhe, doch die Verlockung des Meeres war allgegenwärtig. Die Paarungszeit hatte begonnen ...















Ihr Blick war der einer Kameralinse, die in rascher Folge das Zoom ausreizt und wieder zurückfährt, um die Übersicht zu behalten. Vor, retour, noch mal ins Detail, zum Schluss nahe am Fisheye. Sie griff den Teller etwas fester und machte sich bereit. Es galt, die Ruhe zu bewahren. Sie sondierte die Lage. Es schien, als seien die Beteiligten weit voneinander entfernt. Doch sie wusste es besser, las die Zeichen des Moments mit dem Wissen langer Erfahrung. Schon zum dritten Mal war sie in diesem Jahr in exakt dieser Situation.

Sie schaute in schneller Folge auf und ab, nahm Maß. Das Muster auf dem Teppich gab ihr Halt und Orientierung zugleich. Die Menge vor ihr waberte wie ein Schwarm, sich der Gemeinschaft unterschwellig bewusst und doch ohne wirklich voneinander zu wissen. Diese Leute bedeuteten für sie nichts als Staffage, nichts als ein loses Gewimmel touristischer Heringe, die für einen Moment aus der Dose entkommen waren. Anders als die ganzen verdammten Greenhorns wusste sie genau, was es jetzt zu tun galt. Sie würde die Sache gleich in die Hand nehmen. Sie, und nur sie, hatte hier ...

Foto: Christian Steinkrüger

Die Versuchung der Meere besteht manchmal in einem Toast Hawaii. Diese These klingt fragwürdig? Das ist sie auch, wie so Vieles in dieser Geschichte. Unzählige Kleinigkeiten, auf die es ankommt. Und Angila, die sie alle vereint. Irgendwie ...

Angila