Aus: „Neulich auf Wiese vier“
„Du veranstaltest hier vielleicht einen Zirkus wegen vier blöder Beine, Tony!“

Martha Tausendfuß machte mehrere Dutzend wegwerfende Fußbewegungen.
„Sorg lieber dafür, dass wir noch ein paar Blattläuse kriegen. Ich hab das Gefühl, sie liefern die nicht mehr mit demselben Inhalt wie früher. Die hier ist schon wieder leer“.
Rhythmisch presste Töchterchen Amanda Tausendfuß den Hinterleib der Blattlaus, während Martha sich die Spitzen ihrer Beine mit dem austretenden Sekret lackierte.
„Vier blöde Beine? Sagtest du ‚vier blöde Beine’? Wo kommen wir denn hin, wenn sich hier jeder in der Nacht bedienen kann, wie er will? Der Diebstahl von vier Beinen ist nichts anderes, als ein insektöser Skandal allerersten Ranges, meine Liebe!“
„Ach? Und dass du hier zu nachtschlafender Zeit reinkommst, voll wie drei Zecken nach einer Woche Hund, das ist kein Skandal? Bestimmt tratschen die Nachbarn wieder.“

Martha rollte die Augen.



Aus: „Eine Rosine namens Sieglinde“
Ja, eine Inhaftierte war sie hier. Welch anderen Rückschluss ließ ein Tagesablauf zu, der sie jeder Selbständigkeit beraubte und nur noch Spurenelemente von Freiwilligkeit enthielt?
Lieblos waren die Pflichtkalorien in eine Plastikschale gepfercht und weit weg von jeglichem Stil, den man bereits zelebrieren kann, wenn man nur im Essen etwas mehr sah als die reine Nahrungsaufnahme. Nicht minder lieblos stocherte sie in der mehrfach geteilten Schale herum, inspizierte mit ihrer Gabel die abgezählt scheinenden drei Rosinen, die die Scheibe Fleisch als rheinischen Sauerbraten deklarierten. Verkochter Rotkohl flankierte einen Kloß, der an seiner glitschigen Oberfläche den Versuchen auszuweichen schien, ihn anzuschneiden.


Aus: „Aufruhr im Schuhschrank“
Björn, der Tennisschuh, hatte bis dahin nur zugehört. Er ist ein ganz Schüchterner. Umso erstaunter war ich, dass er sich plötzlich meldete: „Also, ich geh mit dem Stiefel in den Tanzkurs!“
Sie können sich vorstellen, was das für einen Schlagabtausch gab. Die Zeiten, in denen ein Halbschuh ein Halbschuh war, die sind wohl vorbei. Heute muss immer Action mit im Spiel sein. Seitdem warte ich auf den Tag, an dem ein Flipflop Tiefseetauchen und ein High-Heel Wattwandern machen will. Dem Gummistiefel war der Tanzkurs jedenfalls nicht mehr auszureden.


Ein Schriftsteller ist jemand, der einen Großteil seines Lebens in Einzelhaft vor einem Schreibgerät verbringt. (Barbara Frischmuth)

Lese-Stoff:


Verlässlichkeit ist ein hohes Gut. Gerade in Zeiten, in denen Dinge in Bewegung geraten, braucht man was zum Festhalten. Ein kleines X sieht unscheinbar aus, bedeutet jedoch viel. Lernen Sie Gerwin kennen, den heimlichen Chef von Halfenbach, den kerzengeraden Ritter der Bahnsteige.



Das blaue Kreuzchen

Leseproben